Andacht zum Unbedeutenden - Bleistiftzeichnungen von Flavio Apel

Herausgeber: Galerie Rasch

Texte: Anjelika Spöth, M.A. Kunstgeschichte

ISBN-13: 978-1724068828

 

Dorothea von Kiedrowski, Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart

Flavio Apel hat seine Kindheit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rom verbracht. Der inzwischen in Marburg lebende Künstler sucht diesen Ort, der seine Bildwelt stark geprägt hat, bis heute immer wieder auf.

Die Akteure seiner Bildwelt – Alltagsgegenstände und Insekten – erwachen in Apels Kompositionen zu neuem Leben. Anders als in den Stillleben der Alten Meister, die üppige Speisen, blitzendes Besteck und fein geschliffene Gläser auf kunstvoll drapierten Tischen darstellten, sind es bei Apel verbogene Gabeln und Löffel, halbvolle Suppenteller und leere Dosen, die auf weißem Hintergrund erscheinen. Apels eigene Vanitas-Motive, die Insekten, erscheinen in seinen Bildern fragmentiert oder auf dem Rücken liegend.

Allein der Hirschkäfer scheint sich in Apels rätselhaften Bildgeschichten durchzusetzen. In der christlichen Symbolik gilt der Hirschkäfer als Apotropäum, das Unheil abwehren kann. Wiederholt taucht er in Apels Zeichnungen auf; stellt sich einem Duell mit einer verbogenen Gabel oder steht hilflos vor einer Praline mit Insektenflügeln, die sich unter einer Glasglocke befindet. Diese ungewöhnlichen Konstellationen hauchen den Dingen neues Leben ein. Sie erzählen Geschichten, die wir als Betrachter weiterspinnen dürfen. Mit präzisem Strich und minimalen Mitteln erschafft Apel auf diese Weise surreale Welten.

Eine weitere Herangehensweise Apels ist es, die Akteure seiner Bildwelten an den Bildrändern zu verorten. Die leere Bildmitte lenkt den Blick der Betrachter zunächst auf die scheinbar unwesentlichen Zwischenräume. Dann wandert der Blick zu den abstrakt wirkenden Anordnungen feiner Nuancen unterschiedlicher Grautöne und feinster Linien. Sie laden ein, auf die Suche zu gehen, einen Schritt näher zu treten, genauer hinzuschauen, den Blick an den Rändern entlang wandern zu lassen. Auf den zweiten Blick erst offenbaren sich die reizvollen Strukturen und Schattierungen als Überreste von gewöhnlicher Spachtelmasse, Insekten oder Butter.

2017 zeigte die Galerie Rasch, Kassel, eine Einzelausstellung des Künstlers mit dem Titel “Andacht zum Unbedeutenden”. Dieser Titel ist einer abschätzigen Bemerkung des Kunsthistorikers Sulpiz Boisserée von 1815 zur Forschung der Gebrüder Grimm entliehen und umgedeutet. Sie würden sich in ihren sprach- und literaturwissenschaftlichen Untersuchungen mit Nebensächlichkeiten befassen.

Daraufhin entgegneten sie folgendes: “Leicht wird […] als unnütz hinweg geworfen, worin sich das Leben am bestimmtesten ausgeprägt hat, und man ergiebt sich Betrachtungen, die vielleicht berauschen, aber nicht wirklich sättigen und nähren.”

Apel begibt sich in seinen zeichnerischen Arbeiten auf die Suche nach den “unbedeutenden” Dingen, jenseits von Sensationen und Prunk.

 

Andacht zum Unbedeutenden. KUNST + nachgefragt mit Flavio Apel

Kunst & Kaviar (https://www.kunstundkaviar.de/)

Unser erster Gesprächspartner ist ein junger Künstler aus Kassel. Flavio Apel ist deutsch-italienischer Abstammung und wuchs bis zu seinem siebten Lebensjahr an einem malerischen Ort unweit von Rom auf. Die Bleistiftzeichnungen auf Papier lassen den Betrachter zunächst an der eigenen Wahrnehmung zweifeln, denn als Zeichnungen sind sie kaum zu erkennen. Fotografisch genau, hyperrealistisch und dadurch beinah surreal, erscheinen sie im ersten Eindruck. Zarte Linien, manchmal fast unsichtbar, die mehr einem Haar als einer Zeichnung ähneln. Stunden, Tage und manchmal Wochen vergehen bis die hauchdünnen Linien zu erkennbaren Formen werden. Bleistift, Papier, Zeit, Geduld, Zweifel und Einsamkeit. Darüber und über vieles mehr sprachen wir mit Flavio.

 

Flavio erstmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir haben ja schon Bekanntschaft mit dir und deinem Werk machen dürfen und wissen, dass deine Herkunft und Kindheit eine große Rolle in deinem Werk spielen. Wie sah diese Kindheit aus?

 

Ich hatte das große Glück in einer richtig schönen, fast kitschig italienischen Villa aufzuwachsen. Der Opa hat 20 Jahre lang mit seinem Bruder, einem Architekten, eine Villa errichtet. Ein Haus aus Stein, umgeben von Natur, es war für mich das Paradies. Und dann kam ich mit sieben Jahren nach Deutschland und es war plötzlich alles grau und aus Beton. Die Zeit in der Villa war schon sehr prägend für mich und ich erinnre mich gerne daran. Vor allem an den riesigen Garten und die Pflanzen. Bis heute trage ich vor allem dieses Gefühl in mir und verbinde es auch bis heute mit Italien. Natürlich wurde das Haus irgendwann verkauft, aber die Erinnerung und das Gefühl bleibt.

 

In deinen Zeichnungen finden sich immer wiederkehrende Motive wie Besteck oder Insekten. Stehen sie in Verbindung mit der Erinnerung an Italien?

 

Oh ja. Was machen die Leute in Italien am liebsten? Feiern und essen. Es gab immer große Festlichkeiten und unsere Aufgabe war es den Tisch zu decken oder das wunderschöne Silberbesteck der Oma zu putzen. Eine der ersten Erfahrungen die ich mit Tieren gemacht habe, waren die ganzen Käfer. Wir hatten viele Hirschkäfer die mich schon damals neugierig machten. Auf Italienisch heißen sie cervo volante , was übersetzt fliegender Hirsch bedeutet. Somit faszinierte mich allein schon der Name. Ich habe in Marburg übrigens vor meiner Tür kürzlich fünf Stück gerettet! Das kann doch kein Zufall sein, dass hier so viele Hirschkäfer sind? Ich habe dann direkt einen unters Glas gesetzt und gefilmt. Daraus ist dann ein Bild entstanden. Das sind dann auch so Erinnerungen, die ich mitnehme.

 

Momentan bleibt die ganze Welt zu Hause. Wo würdest du dein Zuhause verorten? Italien, Rom, Kassel oder Marburg? Oder gibt es diesen Ort für dich gar nicht?

 

Das ist eine interessante Frage, weil ich mich auch schon lange damit beschäftigt habe. Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten Deutschland als neue Heimat anzunehmen. Im Erwachsenenalter wurde das natürlich anders. Ich bin gerne in Marburg, aber lieber in Kassel. Weil da einfach mehr los ist. Für mich ist das meine Heimat. Ich muss aber trotzdem sagen, dass die Villa in Italien immer Teil meiner Heimat bleiben wird, auch wenn ich mir was Neues aufgebaut habe.

 

Wie kamst du zur Kunst? Wann hast du angefangen und gab es diesen einen Moment, in dem du wusstest, dass du es machen musst oder willst?

 

Ich komme aus einer Künstlerfamilie. Mein Vater hat Visuelle Kommunikation, Plakat, Grafik und Fotografie an der HBK studiert und dort später als Dozent gearbeitet. Mein Opa und meine Mutter haben künstlerischen Hintergrund und sind total kunstaffin. Meine Kindheit war natürlich auch mal turbulent, und durch die komplizierte Beziehung zu meinem Vater geprägt. Im Zeichnen fand ich immer Ruhe, und somit wurde Kunst zu meinem Ruhepol und Rückzugsort. Gezeichnet habe ich schon immer, aber im Jahr 2014 fand ich mich an einem persönlichen Wendepunkt wieder, an dem ich beschloss die Kunst auch zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe mich und meine Arbeit zu kritisch und es kostete mich viel Überwindung, mich und meine Arbeit, zu präsentieren. Ich hatte anfangs Sorge, weil ich nicht wusste, wohin ich mit meinem Realismus sollte.

 

Gibt es auch Momente in denen du das Medium der realistischen Zeichnung verlässt? Besonders heutzutage trifft der Realismus auf viel Skepsis. Das reine Abmalen wird als Kopieren der Wirklichkeit verstanden, was in Zeiten der Fotografie als überholt und überflüssig empfunden wird. Wie gehst du damit um?

 

Ja auf jeden Fall! Privat probiere ich mich auch mit anderen Materialien aus, zeichne mit Tusche und anderen Farben. An Öl hab mich nicht noch nicht rangetraut. Allerdings liegt mein Schwerpunkt auf der Bleistiftzeichnung. Ich arbeite auch vorwiegend in Serien. So habe ich die Möglichkeit Dinge genauer zu betrachten. Dabei geht es nicht um das Nachbilden, also das Handwerkliche, das können viele erlernen. Gleichzeitig versuche ich bei meinem Realismus etwas von mir mitzugeben, was mir extrem wichtig ist.

 

Der Unterschied zu anderen Künstlern liegt in deinem Grad des Realismus. Du schaffst ja keine Abbilder, stellst nicht nach, sondern schaffst komplett neue Bildmomente. Dein Hyperrealismus schärft die Sinne und zeigt die Dinge so, wie wir sie mit unserem Blick nie sehen würden. Und dazu erzählst du mit deinen Werken Geschichten. Seien es die Käfer, die Passanten in den Straßen Roms, oder eine eingefangene Libelle, du verwandelst sie mit deinem Stift in magische Objekte. Greifst du bei deiner Arbeit denn auf Vorlagen zurück?

 

Ja genau, es ist mir extrem wichtig meine Werke über den abbildenden Realismus hinausgehen zu lassen. Realismus ist nicht das Ziel oder das Mittel etwas auszudrücken. Durch die empirische Bearbeitung kann ich Dinge genauer erschließen und dadurch eigene Geschichten um sie aufbauen. Dabei geht es nicht darum etwas Vorhandenes abzumalen, das wäre Handwerk und Technik. Es geht darum etwas Tieferes aufzuzeigen. Bei manchen Bildern, besonders bei Porträts, muss ich auf Fotografien zurückgreifen, jedoch wandele ich diese meistens ab. Die meisten Objekte habe ich jedoch häufig direkt vor mir. Deshalb zeichne ich gerne Pralinen, die ich nach dem Zeichnen direkt aufesse. Es hätte auch Brokkoli sein können, aber was soll ich sagen, Pralinen sind einfach schöner.

 

Mit deinen Bildern lenkst du den Blick auf die alltäglichsten Dinge. In ihnen werden Haushaltsgegenstände, Insekten oder die Spitze eines Kleides fast andächtig. Man hat das Gefühl, noch nie so genau etwas betrachtet zu haben. Wo findest du deine Inspiration?

 

Das ist eine sehr schöne Frage. Ich habe einen versteckten Kasten mit ca. 500 Skizzen. Immer wenn ich eine Idee habe, skizziere ich etwas und lege es hinein. Meistens hole ich die Skizze nicht nochmal hervor. Von den Bildern, die ich im Kopf habe, entsteht nur ein kleiner Teil. Meistens sprudeln die Ideen raus und ich halte sie flüchtig fest. Ich werde häufig gefragt, ob ich die Objekte so hinstelle oder anordne, damit sie in Analogien zueinander stehen. Die Antwort ist nein. Die Bilder entstehen im Kopf. Meistens entstehen die Bilder beim Lesen. Ich lese viele phantastische Kurzgeschichten. Beim Lesen verorte ich die Geschichten in der alten Villa bei Rom. So verknüpft sich meine Vergangenheit mit dem Gelesenen. Eine der Hauptinspirationen ist also die Literatur. Eine andere Quelle ist die Natur. Wenn ich eine Libelle betrachte oder einen Stein sehe, entsteht ein Bild in meinem Kopf, was ich dann auf Papier umsetze.

 

Momentan scheint die Zeit für einige zu rasen, und für andere steht sie wiederum still. Welche Rolle spielt Zeit in deinem Werk? Präziser gefragt, wie lange arbeitest du durchschnittlich an einem Bild?

 

Zeit ist kein entscheidender Faktor. Die Bilder brauchen die Zeit, die sie brauchen. Im Schnitt benötige ich für die großen Bilder 80 bis 350 Stunden. Die Dame mit Käfer und Spitzenkleid hat 300 Stunden in Anspruch genommen. Das bedeutet also viel Zeit mit sich selbst, was an manchen Tagen schön ist, an anderen wiederum schnell zur Last werden kann. Ich kann am besten arbeiten, wenn es mir gut geht. Allerdings entspringen die meisten Ideen den weniger guten Momenten. Ein bisschen klischeehaft, aber so ist das eben.

 

Gibt es eine Aussage oder Frage in Bezug auf deine Kunst, die du nicht mehr hören kannst?

 

Oh natürlich! Die Frage, ob es Fotografien sind oder Zeichnungen. Einerseits schmeichelt es mir, andererseits geht es nicht über die Wertschätzung der Technik hinaus. In einer Ausstellung mussten wir sogar ein Schild mit der Aufschrift „Zeichnungen“ daneben hängen, weil die Leute die Zeichnungen für schöne Fotos hielten.

 

Wenn du dir einen Künstler oder eine Künstlerin aussuchen könntest, neben dem dein Werk hängen könnte, wer wäre es?

 

Schwierige Frage. Für mich ist das Maximum, was je an Zeichenkunst erreicht wurde, das erotische Werk von Klimt. Das ist für mich das Nonplusultra. Ich mache etwas anderes, aber es ist unfassbar, wie viel Sinnlichkeit und Schönheit er mit diesen wenigen Strichen einfängt. Diese Werke brauchen keine Erklärung, da sie so viel Intensität mit sich bringen, dass jeder Kommentar überflüssig wird.

 

Und zu guter Letzt, bitte vervollständige den Satz: Kunst bedeutet für mich….

 

Es ist schwer so Sätze zu vervollständigen, ohne dass sie kitschig werden. Wenn ich sagen würde, Kunst ist Leben, ist das so kitschig. Aber wenn ich sage, Kunst ist die Leidenschaft meines Lebens, dann stimmt das. Das war sie schon immer und das wird sie auch immer bleiben, auch wenn ich irgendwann nicht mehr produktiv werde. Die Beschäftigung mit Kunst nimmt einen großen Teil meines Lebens ein und das finde ich wunderschön.

 

Lieber Flavio, wir danken dir für deine Zeit und deine Offenheit.

Kultur Magazin Kassel, Verlag Faste, Nr. 259 April 2020, Text von Angelika Froh (M.A. Kunstwissenschaften)